Back to Top

1. FiBL Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei zur Vitalität der Honigbienen

1. FiBL Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei zur Vitalität der Honigbienen

Die 1. FiBL Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei suchte Wege, um die Vitalität der Honigbienen zu erhöhen. Die Referenten im Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) u.a.: Profi-Imker und Demeter-Pionier Günter Friedmann sowie die Biologin und Mellifera-Züchterin Gabriele Soland.

Über 120 Imker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben am 25. Februar 2017 an der 1. Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei des FiBL teilgenommen. Das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) ist eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen zur biologischen Landwirtschaft. mellifera.ch war Co-Organisator der erstmals durchgeführten Frühjahrskonferenz Bioimkerei.

Das Thema der 1. Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei war die Vitalität der Honigbienen, die unter Imkern zunehmend kontrovers diskutiert wird. Was ist unter Vitalität bei den Honigbienen zu verstehen? Wie kann die Vitalität der Bienenvölker verbessert werden? Diese Fragen beantworteten kompetente Referenten aus Forschung und Praxis.

Facts & Figures zur weltweiten Bio-Imkerei

Zur Einführung ins Thema umriss Bernadette Oehen vom FiBL die Zahlen und Fakten der Bio-Imkerei. Weltweit werden 2 Mio. oder 2,5 Prozent aller Bienenvölker der Bio-Imkerei zugeordnet. Das tönt nicht nach viel, ist aber höher als der Anteil der landwirtschaftlich genutzten Bio-Flächen (1,1 Prozent).

Weltweite Verteilung der Bio-Bienenvölker

  • ​45 Prozent in Lateinamerika
  • 40 Prozent in Europa
  • 8 Prozent in Asien
  • 6 Prozent in Afrika
  • 1 Prozent in Nordamerika und Australien

Die Schweizer Bio-Imkerei

​Von den 18'000 Schweizer Imkern sind nur 267 oder 1,4 Prozent zertifizierte Bio-Imker. Bei einer Steigerung von 258 Bio-Imkern (2011) auf 267 Bio-Imker (2016) «kann man nicht gerade von einem Boom sprechen», stellte Bernadette Oehen fest.

Interessant ist, dass 30 Prozent der Schweizer Bio-Imker auch Bio-Landwirte sind. Dieser Anteil ist markant höher, als der Anteil der Landwirte an der Zahl aller Schweizer Imker. Bernadette Oehen führt dies darauf zurück, dass der Aufwand zur Zertifizierung einer Imkerei für einen schon Bio-zertifizierten Landwirt viel geringer ist, als für Imker, die nicht Landwirte sind.

Ein anderes Phänomen – dass es nur eine Handvoll Schweizer Bio-Imker unter 50 Jahren gibt – lässt sich mit der Tatsache erklären, dass die meisten Schweizer Imker schon im Rentenalter sind.

Die «Label» der Schweizer Bio-Imker

Bio-Imker haben dieselben Probleme wie konventionelle Imker: Gemäss allen drei Bio-Richtlinien muss die Bienenweide im Umkreis von 3 Kilometer um den Bienenstock zu mindestens 50 Prozent aus Bio- oder ÖLN- Flächen oder Wildpflanzen (Wald) bestehen. Krankheiten und Schädlinge sowie die Pestizide der Intensiv-Landwirtschaft kennen aber keine (Richtlinien-)Grenzen und machen der Vitalität der Honigbienen zu schaffen.

Günter Friedmann: «Krankheiten und Schädlinge, Intensiv-Landwirtschaft und Bienendichte schaden der Vitalität der Bienen»

​Die Vitalität der Honigbienen ist das Stichwort für Günter Friedmann. Seit 1995 führt Friedmann in der Schwäbischen Alb mit über 600 Völkern die weltweit grösste Demeter-Imkerei. Der Pionier der ökologischen Imkerei hat unter anderem die Richtlinien der Demeter-Bienenhaltung mit entwickelt.

In seinem Referat definierte Günter Friedmann zuerst den Begriff Vitalität: «Vitalität ist die Lebensfähigkeit, sich an die Umgebung anzupassen und unter den vorgefundenen Umweltbedingungen zu überleben».

Unter den heutigen Umweltbedingungen «sind die Honigbienen grundsätzlich mangelernährt und könnten ohne Intervention des Imkers nicht überleben». Dieser schleichende Prozess ist gemäss Friedmann «viel gravierender, als direkte Vergiftungen durch Pestizide».

Dazu komme eine Bienendichte, die in Europa weit über das gesunde Mass hinaus gehe. Portugal, Ungarn und Griechenland haben mit 7 bis 10 Völkern pro Quadratkilometer die höchste Völkerdichte in Europa.

Bienendichte der deutschsprachigen Länder/Regionen

  • ​5,0 Bienenvölker pro Quadratkilometer im Südtirol
  • 4,7 Bienenvölker pro Quadratkilometer in der Schweiz
  • 3,8 Bienenvölker pro Quadratkilometer in Österreich
  • 1,9 Bienenvölker pro Quadratkilometer in Deutschland

​Zum Vergleich: Die Bienendichte in den USA, Argentinien und China – als grösste Honigproduzenten der Welt – liegt bei 0,3 bis 0,7 Bienenvölkern pro Quadratkilometer.

Dass die Schweiz «nur» 4,7 Bienenvölker pro Quadratkilometer zählt, verdankt sie den Gebirgskantonen Graubünden und Wallis. Wenn es nach den städtischen Agglomerationen gehen würde, wäre die Schweiz auf dem Niveau von Portugal, Ungarn und Griechenland. Im Kanton Basel-Stadt leben sogar 25,4 Bienenvölker pro Quadratkilometer.

«Bei unserer Bienendichte ist die Re-Infektionsrate der Varroa in den Bienenvölkern vier Mal höher, als bei einer idealen Bienendichte», erklärt Günter Friedmann. Dadurch entstehe eine ungesunde Selektion, bei der die Varroa-Milben stärker und die Honigbienen schwächer werden.

Günter Friedmann: «Meine Friedmann-Wald-Feld-Wiesen-Biene ist perfekt den lokalen Bedingungen angepasst»

Vor diesem Hintergrund erweiterte Günter Friedmann die Definition zur Vitalität der Honigbienen:

  • ​«Vitalität ist die Fähigkeit eines Bienenvolkes, über mehrere Generationen aus eigener Kraft einen Organismus aufzubauen und diesen aufrechtzuerhalten. Dieser Organismus wird von den Honigbienen immer wieder erneuert und rechtzeitig verjüngt, bevor die Kraft der Königin nachlässt und dies nicht mehr möglich wäre.»
  • «Vitalität ist die Fähigkeit eines Bienenvolkes, ein Ungleichgewicht (Krankheit, Schwächung) aus eigener Kraft in ein Gleichgewicht zurückzubringen.»

Äussere Faktoren wie Krankheiten und Schädlinge sowie die Intensiv-Landwirtschaft kann Friedmann nicht beeinflussen. Deshalb konzentriert er sich auf die Selektion. Zur Erhaltung der Vitalität seiner 600 Bienenvölker vermehrt Günter Friedmann nur aus dem eigenen Bestand und selektiert nach Charakter (nicht mit Sanftmut zu verwechseln), Bauleistung und Leistung.

Mit dem Naturwabenbau seiner Bienenvölker schafft Friedmann eine hohe Drohnendichte, die eine effiziente Standbegattung ermöglicht. «Das Resultat ist eine Friedmann-Wald-Feld-Wiesen-Biene, die perfekt den lokalen Umweltbedingungen angepasst ist.»

Gabriele Soland: «Bei unserer Bienendichte ist Bienenhaltung eine Massentierhaltung»

«Lokal angepasste Bienenvölker haben eine höhere Vitalität», nahm Gabriele Soland das Thema auf. Mit ihrem Mann Reto führt sie im Berner Seeland die Imkerei Soland mit 300 Wirtschaftsvölkern und jährlich 1000 Reinzucht-Königinnen der einheimischen Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera). Die Biologin Gabriele Soland ist seit 2005 wissenschaftliche Beraterin und seit 2017 Zuchtchefin des Vereins mellifera.ch (früher VSMB).

Gabriele Soland unterstützte die These, dass die Bienendichte in vielen Regionen Europas viel zu hoch sei. Als sie aufzeigte, dass wir in der Schweiz bis zu 100 Mal mehr Bienenvölker pro Quadratkilometer haben, als in natürlichen Habitaten oder zum Beispiel in den USA, nickten die Zuhörer verständig. Beim nächsten Satz stockte aber einigen Zuhörern sichtbar der Atem: «Auch wenn ein Imker in den deutschsprachigen Ländern nur drei Bienenvölker im Garten stehen hat, ist er Teil einer Massentierhaltung.».

«Die heutige Bienenhaltung ist eine Massentierhaltung mit allen entsprechenden Belastungen und Ansprüchen. Eine extensive Bienenhaltung ist unter diesem Populationsdruck unmöglich.» Weil noch nicht klar ist, wo die Kapazitätsgrenze einer Bienen-Population liegt, können die Folgen einer dauerhaften Überschreitung nicht abgeschätzt werden, betonte Gabriele Soland.

Gabriele Soland: «Die Mellifera ist eine natürliche, lokal angepasste Honigbiene»

​Wie Profi-Imker Günter Friedmann plädierte die Biologin Gabriele Soland für eine lokal angepasste Biene. Konkret für die einheimische Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera).

Die Mellifera habe als Resultat von 10'000 Jahren natürlicher Selektion langlebige Bienen, die an wechselhaftes, feuchtes und kühles Klima angepasst sind. Im 10-Jahres-Vergleich sei der Honigertrag ebenbürtig, in kühlen und regnerischen Jahren sogar höher, als jener der Carnica. Gabriele Soland kennt französische Profi-Imker, die sich deshalb als «Versicherung» für schlechte Jahre Mellifera-Völker halten.

Natürlich löse die einheimische Mellifera nicht alle Probleme. Aber mit deren lokaler Anpassung, angepasster Betriebsweise und konsequenter Zuchtauslese erreiche man langfristig eine höhere Vitalität. Mit der Betonung auf langfristig, denn «Zucht ist ein Projekt für Generationen», schloss Gabriele Soland ihr Referat.

Referenten und Organisatoren der 1. Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei im FiBL

​An der 1. Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei im FiBL referierten auch Prof. Jürgen Tautz von der Universität Würzburg und Matthieu Guichard vom Zentrum für Bienenforschung (ZBF) in Bern. Über das Referat von Matthieu Guichard zu «Toleranzmechanismen, Zuchtprogrammen und laufenden Forschungarbeiten zur Vitalität der Honigbiene» berichten wir ausführlich in einem separaten Artikel.

Organisiert wurde die 1. Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei vom Hauptsponsor Bio Suisse sowie vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL), Demeter Schweiz, der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM), dem IFOAM Apiculture Forum (IAF) und mellifera.ch.

FiBL: Forschungsprojekte und Beratung für Bio-Bauern

Das schweizerische Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick unterstützt seit 1973 als private Stiftung die Biobauern durch Forschungsprojekte und Beratung. Das FiBL gilt als eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen zur biologischen Landwirtschaft. Seit 2001 gibt es das Schwesterinstitut FiBL Deutschland und seit 2004 FiBL Österreich.

Das FiBL ist Mitglied der Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbaubewegungen (IFOAM) und hat die Internationale Gesellschaft der Forschung im Ökologischen Landbau (ISOFAR) aufgebaut. Das FiBL unterhält ein umfangreiches Forschungsnetzwerk in Europa, Asien, Lateinamerika und Afrika.

© Foto: Jürg Vollmer. Im Bild Profi-Imker und Demeter-Pionier Günter Friedmann als Referent der 1. FiBL Frühjahrskonferenz Bio-Imkerei.

Ähnliche Beiträge