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Die Landrasse war bis vor wenigen Jahrzehnten eine Dunkle Biene

Die Landrasse war bis vor wenigen Jahrzehnten eine Dunkle Biene

Landrasse oder Landbiene ist die umgangssprachliche Bezeichnung für die einheimische Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera). Bis vor wenigen Jahrzehnten wurde in allen europäischen Ländern auf der Alpennordseite mit der Landrasse geimkert. Massenhafte Importe insbesondere von Carnica-Bienen haben die Landrasse hybridisiert und schliesslich verdrängt.

Natürlicherweise paaren sich Bienenköniginnen bei der sogenannten Standbegattung. Die sechs Tage alte Königin fliegt bei geeignetem, sonnigem Wetter vom Bienenstock mehrmals zum Hochzeitsflug aus. Auf einem Drohnensammelplatz paart sie sich mit zehn bis zwanzig Drohnen unterschiedlicher Herkunft. Während die Drohnen bei der Kopulation sterben, fliegt die befruchtete Bienenkönigin zum Stock zurück.

Das Resultat der Standbegattung ist eine Landrasse, perfekt angepasst an das lokale Klima und die lokalen Umweltbedingungen. So entstanden auf der Alpennordseite viele Ökotypen der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera): Von Irland über die Alpenländer bis in den Ural, und als geografische Ausnahme in den Pyrenäen.

Je nach Region erhielt die Landrasse verschiedene Namen:

  • Schwarze Biene, Dunkle Biene, Nigra (Schweiz)
  • Braunelle, Nigra (Österreich)
  • Heidebiene, Nordrasse oder Braune Deutsche Biene (Deutschland)
  • Black Bee, Native Irish Honey Bee (Irland, England, Schottland, Wales und Nordirland)
  • L’abeille noire (Frankreich)
  • Ptschjelinyj ljes (= Waldbiene), Bursjanskaja ptschjela (= Brsjanski Biene, nach dem Bezirk Bursjanski in der russischen Republik Baschkortostan) (Russland)

Das Resultat der Standbegattung sind naturgemäss unterschiedliche Leistungswerte und instabile Zuchtergebnisse. Um langfristig gute Resultate zu erhalten, drückten die Imker schlechte Königinnen einfach ab und ersetzten sie durch Jungköniginnen.

Für die Landrasse wurden weltweit die ersten Belegstationen geschaffen

Im 19. Jahrhundert importierten Bienenforscher vereinzelt südliche Unterarten der Honigbiene: Vom Balkan, aus Italien, Zypern, der Türkei, Ägypten und Nordafrika. Diese Bienenimporte hatten aber keinen spürbaren Einfluss. Die einheimische Landrasse konnte die Fremdelemente absorbieren. Dies umso mehr, als die Unterarten aus dem Süden nicht an das Klima der Alpennordseite angepasst waren.

1898 gründete der Schweizer Bienenzüchter Ulrich Kramer die weltweit erste Königinnenzucht mit Belegstationen auf Vereinsbasis. Das Zuchtmaterial kam aus der Landrasse, es waren also reinrassige Dunkle Bienen. Der alpine Ökotyp der Dunklen Biene, die legendäre Nigra, wurde zum begehrten Schweizer Exportartikel.

Gegen Ende der 1940er Jahre erreichte die Zucht des Ökotyps Nigra der Dunklen Biene in der Schweiz ihren Höchststand: Auf rund 200 Belegstationen liessen 1’500 Züchter jährlich 13’000 Königinnen begatten.

Importierte Bienen verdrängten die einheimische Landrasse

Ab dem Zweiten Weltkrieg wurde die Landrasse in den meisten europäischen Ländern durch massenhafte Importe insbesondere der Carnica zuerst hybridisiert und dann verdrängt: In Deutschland und Österreich ab den 1930er Jahren, in der Schweiz ab den 1970er und zunehmend in den 1990er Jahren.

Weil viele Imker bei der Standbegattung blieben, kreuzte sich die einheimische Landrasse mit der importierten Carnica. Es entstanden Hybriden mit unangenehmen Eigenschaften:

  • Erhöhte Stechlust und Wabenflüchtigkeit
  • unangepasstes Brutverhalten
  • ungleiche Volksentwicklung
  • unausgeglichene Honigerträge

Diese Eigenschaften der Hybriden wurden fälschlicherweise der Landrasse zugeschrieben. Obwohl der Carnica-Anteil immer grösser wurde, machte man die Landrasse für die schlechten Eigenschaften verantwortlich. Ein Imageschaden, unter dem die Landrasse bis heute leidet.

In Österreich und der Schweiz konnte sich die Landrasse bis heute halten

In den meisten Ländern auf der Alpennordseite wurde die Landrasse deshalb vollständig verdrängt. Viele Imker haben noch nie mit eigenen Augen eine Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera) gesehen. Vor allem Jungimker wissen nicht einmal, dass es eine einheimische Honigbiene gibt, die sogenannte Landrasse, und dass Ihr korrekter Name Mellifera ist.

  • In Deutschland findet man die letzten Aufzeichnungen über eine Mellifera-Population 1975 in der Kleinstadt Suhl im Thüringer Wald. Gemäss dem Zuchtverband Dunkle Biene Deutschland e. V. imkern heute 56 Mitglieder mit rund 200 reinrassigen Mellifera-Völkern, was 0,025 Prozent der gesamten Völkerzahl in Deutschland entspricht.
  • Die Austria Mellifera Züchter AMZ haben heute immerhin noch rund 1000 reinrassige Völker der Mellifera oder Dunklen Biene, was 1 Prozent der gesamten Völkerzahl in Österreich entspricht.
  • Einzig in der Schweiz haben sich grössere Populationen der Dunklen Biene halten können: Von den 150’000 Bienenvölkern in der Schweiz sind gemäss mellifera.ch rund 10 Prozent oder 15’000 Völker reinrassige Mellifera.

Die Mellifera-Züchter wehrten sich in den vergangenen Jahrzehnten aus guten Gründen gegen die Bezeichnung Landrasse. Heute ist ein Umdenken im Gange. Einige Zuchtorganisationen sprechen wieder von der einheimischen Landrasse. Mit der Hoffnung, dass die Landrasse wenigstens in einigen Regionen auf der Alpennordseite eine reinrassige Dunkle Biene (Apis mellifera mellifera) bleibt – oder wieder wird.

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© Foto: Jürg Vollmer / mellifera.ch. Im Bild ein Bienenstand mit Dunkle Bienen, während Jahrhunderten die Landrasse in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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