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SICAMM-Konferenz 2016: Internationale Zusammenarbeit für die Dunkle Biene

SICAMM-Konferenz 2016: Internationale Zusammenarbeit für die Dunkle Biene

An der SICAMM-Konferenz 2016 in Lunteren (Niederlande) haben 63 Imker und Bienenforscher aus 17 Ländern teilgenommen. Darunter auch eine fünfköpfige Delegation von mellifera.ch aus der Schweiz. Auf dem Programm standen 30 Referate rund um die Dunkle Biene – von der heutigen Verbreitung über die Erfahrungen mit Schutzgebieten bis zur DNA-Analyse der Dunklen Biene.

Die Societas Internationalis pro Conservatione Apis mellifera mellifera SICAMM wurde 1995 als Verband aller europäischen Zuchtvereine für die Dunkle Biene gegründet. Nach den Gründungsmitgliedern Schweiz, Österreich, Deutschland, Dänemark, Norwegen, Schweden, Grossbritannien und Polen sind laufend weitere Staaten dazu gekommen. Heute gehören der SICAMM Organisationen aus 17 europäischen Ländern an – von Norwegen bis Südfrankreich, von Irland bis Russland.

Tatsächlich waren an der SICAMM-Konferenz 2016 in Lunteren (Niederlande) auch zwei Bienenforscherinnen aus Russland vertreten, Anna Brandorf und Marija Ivoilova aus Kirov, 900 km östlich von Moskau. Stolz präsentierten die Vertreterinnen der Russian Association for Conservation Amm RACAMM vor den 63 Imkern und Bienenforschern aus 17 Ländern ihre Studien zur Spezialisierung der Dunklen Biene auf die lokale Tracht in Russland und zur Königinnenzucht. Über diese und weitere Referate werden wir später ausführlich berichten.

Die Dunkle Biene in Deutschland und Österreich

Aus Österreich nahm leider kein Vertreter der Austrian Mellifera Züchter AMZ an der SICAMM-Konferenz 2016 teil. Gemäss letzten Informationen der AMZ gibt es in Österreich heute rund 1000 reinrassige Völker der Dunklen Biene, was 1 Prozent der gesamten Völkerzahl in Österreich entspricht.

In Deutschland findet man die letzten Aufzeichnungen über eine eigene Mellifera-Population 1975 in der Kleinstadt Suhl am Südhang des Thüringer Waldes. Danach galt die Dunkle Biene in Deutschland als ausgestorben. Seit einigen Jahren arbeiten aber mehrere Organisationen unabhängig voneinander daran, die Mellifera in Deutschland wieder einzuführen.

Der 1. Vorsitzende des Zuchtverbandes Dunkle Biene Deutschland e. V., Ralf Ullrich, präsentierte die Aktivitäten seiner Organisation. Der Zuchtverband wurde 2013 gegründet und zählt heute quer durch ganz Deutschland 56 Mitglieder mit rund 200 reinrassigen Mellifera-Völkern, was 0,025 Prozent der gesamten Völkerzahl in Deutschland entspricht.

2012 stellte die Organisation ein eigenes Zuchtprogramm auf die Beine, das nach anfänglichen Rückschlägen erste Erfolge zeigt. Unter anderem mit Hilfe des Institutes für Nutzpflanzenwissenschaften und Ressourcenschutz INRES der Universität Bonn. Der Aufbau einer eigenen Belegstelle im Risstal im oberbayrischen Karwendel-Gebirge musste allerdings aufgegeben werden, weil kein Schutzgürtel eingerichtet werden konnte. Ralf Ullrich setzt darum neu auf die instrumentale Insemination.

15’000 reinrassige Völker und sechs Schutzgebiete in der Schweiz

Ganz andere Dimension hat die Zucht der Dunklen Biene in der Schweiz. Der Präsident von mellifera.ch (Verein Schweizerischer Mellifera Bienenfreunde) präsentierte die aktuellen Zahlen: «Von den rund 150’000 Bienenvölkern in der Schweiz sind rund 10 Prozent oder 15’000 Völker reinrassige Apis mellifera mellifera», erklärte Padruot Fried.

mellifera.ch hat rund 500 Mitglieder, die mit Dunklen Bienen imkern. 35 zertifizierte (!) Reinzüchter sorgen auf fünf A-Belegstationen und 27 B-Belegstationen für qualitativ hochwertige Königinnen. Über 5000 reinrassige Mellifera-Königinnen kommen jährlich von den Belegstationen, die in der Schweiz naturgemäss (Hoch-)Gebirgsbelegstellen sind.

Gemeinsam mit den lokalen Imkern und Behörden wurden in der Schweiz in den vergangenen Jahren sechs Schutzgebiete mit einer Gesamtfläche von über 1000 Quadratkilometern geschaffen:

  • Das Mellifera-Schutzgebiet im Kanton Glarus ist 685 Quadratkilometer gross und umfasst 100 Imker mit 1000 Mellifera-Völkern (seit 1977 rechtlich geschützt).
  • Das Mellifera-Schutzgebiet Melchtal in der Zentralschweiz ist 50 Quadratkilometer gross  und umfasst 5 Imker mit 50 Mellifera-Völkern (seit 2013 rechtlich geschützt).
  • Das Mellifera-dominierte Münstertal in der Südostschweiz ist 200 Quadratkilometer gross und umfasst 17 Imker mit 300 Mellifera-Völkern (rechtlich ungeschützt).
  • Das Mellifera-dominierte Diemtigtal in der Westschweiz ist 130 Quadratkilometer gross und umfasst 30 Imker mit 300 Mellifera-Völkern (seit 2010, rechtlich ungeschützt).
  • Zusätzlich wurden 2008 die A-Belegstation Gletsch am Furka-Pass und die B-Belegstation in Grund am Simplon-Pass vom Walliser Staatsrat (Kantonsregierung) zu Schutzgebieten erklärt.

Welche Arbeit hinter einem Schutzgebiet steckt, zeigte Padruot Fried mit den Zahlen von zwei Schutzgebieten aus einem einzigen Betriebsjahr:

Münstertal

  • 144 visuelle Kontrollen
  • 18 DNA Analysen
  • 80 Hybrid-Königinnen wurden umgeweiselt und durch reinrassige Königinnen ersetzt
  • 73 reinrassige Königinnen wurden im Schutzgebiet gezüchtet

Diemtigtal

  • 16 visuelle Kontrollen
  • 98 DNA Analysen
  • 37 Hybrid-Königinnen wurden umgeweiselt und durch reinrassige Königinnen ersetzt
  • 37 reinrassige Königinnen wurden im Schutzgebiet gezüchtet

Die 60 Teilnehmer der SICAMM-Konferenz staunten über den Aufwand des Schweizer Mellifera-Vereins – und auch darüber, was die kleine aber schlagkräftige Organisation seit 1994 erreicht hat. Der Fortbestand der Dunkle Bienen in der Schweiz ist heute mit mehreren grösseren Populationen gesichert. Und die Qualität  der Mellifera wird durch grossflächig eingesetzte DNA-Analysen gesichert, Hybrid-Königinnen werden konsequent ausgemerzt.

Schweizer sind führend in der Vermarktung von Mellifera-Honig und in DNA-Analysen

In weiteren Referaten präsentierten die Schweizer an der SICAMM-Konferenz unter anderem ihre erfolgreiche Honigvermarktung von Mellifera-Honig mit einem eigenen Label. Gemäss Balser Fried haben sich dafür die Slow Food-Organisation, die Pro Specie Rara und der Grossverteiler Coop mit seinen 2000 Verkaufsstellen in der ganzen Schweiz zusammengetan. Alleine 2015 verkaufte Coop 12’000 Gläser Honig von reinrassigen Völkern der Dunklen Biene – die jeden Herbst schon nach wenigen Wochen ausverkauft sind. Das 250-Gramm-Glas zum stolzen Preis von 9.90 Franken.

Diese Zahlen sorgten bei den Teilnehmern der SICAMM-Konferenz für einige Aufregung. Schon während der Konferenz knüpften die Delegationen anderer SICAMM-Länder erste Kontakte zu möglichen Kooperationspartnern in ihrem Heimatland und Balser Fried war ein begehrter Gesprächspartner.

Und auch das dritte Schweizer Referat bot an der SICAMM-Konferenz Gesprächsstoff: Mit einem wissenschaftlichen Vergleich der Morphometrie (u.a. Flügelmessungen) mit modernen DNA-Untersuchungen stach Gabriele Soland vom Apigenix-Institut sprichwörtlich ins Wespennest. Denn viele internationale Imker-Organisationen setzen bis heute aus Kostengründen auf die 60 Jahre alten Methoden der Morphometrie, während sich in der Schweizer Mellifera-Zucht seit 2006 die genetische Analyse durchgesetzt hat.

Das ernüchternde Fazit von Gabriele Soland: «Morphologische Untersuchungen führen oft zu falschen Schlussfolgerungen und genügen den heutigen Anforderungen nicht mehr.»

Über die Honigvermarktung und den aktuellen Stand der DNA-Analysen werden wir später ausführlich berichten.

© Foto: Jürg Vollmer / mellifera.ch

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