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Züchtertag 2017: Konferenz von mellifera.ch für die Dunkle Biene

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Am Schweizer Züchtertag 2017 von mellifera.ch informierten sich 80 Imker, Züchter und Bienenforscher über den Stand der Zucht der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera). Die Konferenz-Teilnehmer kamen aus der Schweiz, Österreich und Deutschland – aber auch aus dem Vinschgau (Südtirol / Italien) und den Niederlanden.

Der jährliche Schweizer Züchtertag von mellifera.ch findet seit 2012 statt. Hochkarätige Referenten präsentieren an dieser Konferenz ihre Erkenntnisse aus Forschung und Praxis. Und mellifera.ch schaut jeweils auf das Zuchtprogramm des vergangenen Jahres zurück.

Der Züchtertag richtet sich an Reinzüchter, Belegstationsleiter und Prüfstandsleiter der Apis mellifera mellifera sowie an alle an der Zucht interessierten Imker. Rund 80 Konferenz-Teilnehmer waren am 11. März 2017 dabei: Imker, Züchter und Bienenforscher aus der Schweiz, Österreich und Deutschland – aber auch aus dem Vinschgau (Südtirol / Italien) und den Niederlanden.

Der diesjährige Züchtertag fand im Plantahof in Landquart (GR) statt. Das Landwirtschaftliche Bildungs- und Beratungszentrum Plantahof ist die landwirtschaftliche Ausbildungsstätte des Kantons Graubünden und der Ostschweiz.

Gabriele Soland: Rückblick auf das Mellifera-Zuchtprogramm 2016

In einem Rückblick präsentierte Gabriele Soland die Erfolge des Zuchtprogrammes von mellifera.ch im Vorjahr. Gabriele Soland wurde an der Generalversammlung 2016 zur neuen Zuchtchefin von mellifera.ch gewählt.

Gabriele Soland (Zuchtchefin von mellifera.ch) am Züchtertag 2017.

23 Mellifera-Prüfstände mit ausgebildeten Prüfstandsleitern

Der Verein mellifera.ch hat seit 2008 eines der modernsten Zuchtprogramme Europas aufgebaut. «Dazu gehören die Prüfstände», erklärte die neue Zuchtchefin Gabriele Soland, «auf denen junge Reinzucht-Königinnen der Apis mellifera mellifera ein Jahr lang nach standardisierten Verfahren geprüft werden». Die Bienenköniginnen bleiben dabei anonym, der Prüfstandsleiter weiss also nicht, von welchen Züchtern seine zwölf Prüf-Königinnen stammen.

Die Zahl der Mellifera-Prüfstände in der Schweiz konnte seit 2008 von sieben auf 23 Prüfstände erhöht werden. Besonders stolz ist die Zuchtchefin von mellifera.ch auf den neuen Prüfstand im Zentrum für Bienenforschung der agroscope in Bern-Liebefeld. «Es ist ein gutes Zeichen, dass auch das Eidgenössische Forschungszentrum die Zeichen der Zeit erkennt», erklärte Gabriele Soland.

21 Zuchtlinien à zwölf Mellifera-Zuchtköniginnen (total 252 Königinnen) haben die Prüfstandsleiter 2016 erhalten. Diese stammten von fünf regionalen Züchterringen:

  • ​7 Säntis (AR)
  • 6 Bärnbiet (BE)
  • 4 Krauchtal (GL)
  • 3 Rothbach (LU)
  • 1 Schilstal (SG)

Über alle Prüfstände gerechnet, konnten neun von je zwölf Prüf-Königinnen mit einem Abschluss an den Reinzüchter zurückgegeben werden. «Drei Prüfstände konnten das Testjahr sogar mit allen zwölf Königinnen abschliessen», erklärte die Zuchtchefin stolz.

2'600 Reinzuchtköniginnen von 35 zertifizierten Mellifera-Reinzüchtern auf fünf Linienbelegstationen

Die geprüften Reinzucht-Königinnen sind die Basis für die Arbeit der 35 zertifizierten Mellifera-Reinzüchter. Jeder Reinzüchter pflegt mindestens eine Zuchtlinie, so dass heute in der Schweiz 53 Zuchtlinien der Dunklen Biene aus 33 Urmüttern bestehen. 2016 wurden davon rund 2'600 Reinzucht-Königinnen auf den fünf Linien-Belegstationen aufgeführt.

Auf den Schweizer Linien-Belegstationen werden die jungen Mellifera-Königinnen von zwölf bis dreissig reinrassigen Drohnenvölkern derselben überdurchschnittlichen und leistungsgeprüften Drohnengrossmutter begattet. Das Resultat sind hochwertige Reinzucht-Königinnen.

4'300 Wirtschaftsköniginnen von 27 Mellifera-Rassenbelegstationen

«Die 27 Rassen-Belegstationen steigerten sich im Vergleich zu 2015 enorm», erklärte Gabriele Soland in ihrem Rückblick auf 2016, «nämlich von rund 2600 auf rund 4'300 aufgeführte Wirtschaftsköniginnen».

Auf den Schweizer Rassen-Belegstationen sollen die jungen Mellifera-Königinnen eine hochwertige, aber ihrer Natur entsprechend gemischte Anpaarung erhalten. Die Rassen-Belegstellen stellen darum starke, reinrassige Dröhneriche von verschiedenen überdurchschnittlichen und leistungsgeprüften Drohnengrossmüttern zur Verfügung. Das Resultat sind sehr hochwertige Wirtschafts-Königinnen.

Insgesamt wurden 2016 rund 6'900 Reinzucht- und Wirtschafts-Königinnen aufgeführt – so viele, wie letztmals in den 1990er-Jahren. Das Resultat waren 5200 erfolgreich begattete Mellifera-Bienenköniginnen.

Die Inzuchtwerte der Schweizer Mellifera liegen «im grünen Bereich»

Konsequente Zucht ist immer auch mit einem kalkulierten Mass an Inzucht verbunden. Ab einem sogenannten Inzucht-Koeffizienten von 12,5 Prozent muss mit Inzucht-Depressionen gerechnet werden. Diese zeigt sich in geringer Vitalität und Fruchtbarkeit einer Bienen-Population, aber auch in Erbkrankheiten. «Die Inzucht-Werte der Schweizer Mellifera-Königinnen liegt mit 1 bis 4 Prozent im sicheren grünen Bereich», betonte Gabriele Soland.

Als künftige Massnahmen gegen die Inzucht nennt die Zuchtchefin von mellifera.ch:

  • ​Erhalt der 53 Zuchtlinien
  • Vergrösserung der Population
  • Blutauffrischung
  • Strukturierung der Population in kleine Unter-Populationen. Diese sind untereinander weniger verwandt und dienen so als erste Möglichkeit zur Reduktion des Inzucht-Wertes.

Ruedi Ritter: Gute Genetik für die Mellifera-Belegstationen

Nach dem Rückblick der Zuchtchefin auf das vergangene Jahr zeigte Ruedi Ritter auf, «wie gute Genetik auf unsere Belegstationen kommt». Der Agronom Ruedi Ritter war Projektleiter und ehemaliger Leiter des Bienengesundheitsdienstes von apisuisse (heute apiservice) sowie Mitarbeiter der Imkerbildung Schweiz.

Ruedi Ritter (ehem. Leiter des Bienengesundheitsdienstes) am Züchtertag 2017.

Bedarf an Fähigkeiten im Bienenvolk

Unabhängig von der Unterart braucht die Honigbiene wahrscheinlich eine Vielfalt an genetischen Begabungen, um die Vitalität der Population zu erhalten. Auf der Stufe einer Einzelbiene gehören dazu Fähigkeiten von der individuellen Körperpflege über körperliche Merkmale bis zu den RNA-Enzymen (zur Gen-Stilllegung). Auf der Stufe des Volkes reichen die Fähigkeiten vom Schwarmtrieb über das Ausräumverhalten bis zur varroasensitiven Hygiene.

In der Zucht können diese Fähigkeiten bis zu einem gewissen Grad durch Selektion gefördert oder «weggezüchtet» werden. «Das Problem ist allerdings, dass viele dieser Fähigkeiten auf noch nicht erforschte Art miteinander verbunden sind. Wenn die eine Fähigkeit gefördert wird, kann eine andere, erwünschte Fähigkeit verloren gehen», erklärte Ruedi Ritter.

Es ist möglich und würde «biologisch Sinn machen», dass Bienen mit besonderen genetischen Fähigkeiten entsprechend ihrer Begabung im Volk eingesetzt würden. So sind zum Beispiel das Öffnen von varroabefallenen Brutzellen und das nachfolgende Ausräumen genetisch gesehen offenbar zwei unterschiedliche Fähigkeiten. Ob und wie man solche «genetischen Spezialisten» durch Zucht fördern kann, ist noch nicht bekannt.

Inzucht-Depression bei den Honigbienen

In einem weiteren Teil seines Referates ging Ruedi Ritter auf die Inzucht-Depression ein. Bei einer geringen genetischen Breite – die in der Zucht für eine grosse Erbkonstanz bewusst genutzt wird – können sich die Gene gegenseitig nicht ergänzen. Bei hohem Inzucht-Grad ist mit einer Inzucht-Depression zu rechnen. Diese zeigt sich zum Beispiel in geringer Vitalität und Fruchtbarkeit einer Population, aber auch in Erbkrankheiten.

Konkret können bei der Königin das Körpergewicht, die Eischläuche und die Pheromon-Produktion leiden. Noch stärker sind die Auswirkungen auf die Arbeiterinnen: Diese verlieren unter anderem Körpergewicht, Lebensdauer und Sammeltrieb. Wie schon Gabriele Soland betonte auch Ruedi Ritter, dass die Inzucht-Werte der Schweizer Mellifera-Königinnen mit 1 bis 2 Prozent im sicheren Bereich liegen.

Zusammenfassend erklärte Ruedi Ritter, dass die heute bestehende Vielfalt an genetischen Begabungen der Schweizer Mellifera-Populationen unbedingt erhalten werden müsse. Konkret sollten die Königinnen auf den Schweizer Belegstationen von mindestens zwölf Drohnenvölkern begattet werden.

Weitere Themen am Züchtertag 2017 von mellifera.ch

Das Themenspektrum des Züchtertages 2017 von mellifera.ch reichte weit über den Rückblick auf das Mellifera-Zuchtprogramm 2016 (Gabriele Soland) und die gute Genetik für die Mellifera-Belegstationen (Ruedi Ritter) hinaus:

Romée van der Zee und Reto Soland als Referenten am Züchtertag 2017.

© Alle Fotos: Jürg Vollmer.

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